Licht von Licht

An Ostern, unserem zentralen christlichen Fest, brennt an vielen Orten in der Nacht oder am frühen Morgen, wenn es noch dunkel ist, ein Osterfeuer.

Auf dem Schwanberg entzünden wir in der Osternacht die Osterkerze am Feuer im Kreuzgang. Mit dem liturgischen Ruf „Christus Licht der Welt“ wird sie in die dunkle Kirche getragen und von der Gemeinde begrüßt mit der Antwort „Gelobt sei Gott“.
Im Exultet, dem grossen Lobpreisgesang, wird Christus als das Licht der Welt gepriesen und seine Auferstehung in Verbindung zu dem im Alten Testament geoffenbarten göttlichen Heilsplan gestellt. Von der Osterkerze aus bekommen alle anderen Kerzen im Raum das Licht und wir erleben wie es langsam hell wird: Die Gegenwart Christi bringt Licht in unser Dunkel.

Nach biblischer Tradition beginnen wir den neuen Tag mit dem Vorabend und begrüßen am Samstagabend den Sonntag, der jedes Mal neu eine Erinnerung an das Osterfest ist. Bei jeder Sonntagsbegrüßung wiederholen wir dieses heilige Spiel der Lichtfeier.
Die Osterkerze steht wieder in unserer Mitte - von ihr geben wir das Licht einander weiter mit dem Gesang „Du Licht vom Lichte, du zeigst uns das Antlitz des Vaters, in Liebe leuchtest du Jesus Christ“.
In der Lesung aus dem Johannesevangelium (Joh.8, 12) hören wir wie Jesus Christus spricht: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“.
In der Communität setzen wir beim Abendessen die Liturgie fort mit dem Gebet: „Gepriesen bis du, Herr unser Gott König der Welt, du hast aus der Finsternis Licht hervorgebracht. Segne uns mit deinem vollkommenen Segen. Lass in uns das Licht deiner Wahrheit leuchten. Der Geist der Wahrheit und der Liebe wohne in unseren Häusern. Das Licht deiner Gegenwart erhelle unseren Lebensweg, denn in deinem Licht sehen wir das Licht.“

Licht tut unserer Seele vor allem in der dunkeln Zeit des Jahres wohl. In der Advents- und Weihnachtszeit schmücken wir gerne unsere Räume mit Zweigen und Kerzen. Dabei ist es uns Schwestern wichtig den Weg auf Weihnachten hin schrittweise zu gehen. Mit den Kerzen des Adventskranzes wird der Lichtglanz langsam größer bis wir an der Krippe angekommen sind.

Die Weihnachtskerzen sagen uns: Gott ist in Jesus zur Welt gekommen, klein und verletzlich, wie ein schwaches Licht, schutzbedürftig wie ein kleines Kind, er ist einer von uns. Weil er unsere Bedürftigkeit kennt und uns versteht dürfen wir mit allem zu ihm kommen und es an seiner Krippe ablegen. Mit einer kleinen Kerze bringen wir uns selbst, unsere Freude und unseren Schmerz an die Krippe. Besonders am Heiligen Abend verwandelt sich durch die vielen Menschen, die sich uns anschließen, die Weihnachtskrippe in ein Lichtermeer.

Mit unseren Bräuchen verdeutlichen wir uns was wir eigentlich schon wissen.Das Weihnachtslicht die Gegenwart Gottes, bleibt nicht beschränkt auf besondere Orte und Zeiten. Sie ist ebenso dort wo wir unseren Alltag leben, wo wir essen, schlafen und arbeiten.

An einem Abend unserer Gemeinschaftstage zwischen Weihnachten und Neujahr machen wir Schwestern einen Lichterumzug. Von der Kirche aus ziehen wir durch den Verbindungsgang in unser Ordenshaus. Wir tragen Kerzen in unseren Händen und verbreiten so das Licht aus unserm Gotteshaus in das gesamte Haus Gottes.

An Ende der Weihnachtszeit steht das Fest der Darstellung des Herrn, auch Lichtmess genannt. Wir folgen dem alten kirchlichen Brauch neue Kerzen in einer kleinen Prozession in die Kirche zu bringen und beginnen den Gottesdienst an diesem Tag im Vorraum der Kirche. Wir beten: Herr Jesus Christus, du Licht der Welt: Erleuchte uns, dass wir, Kerzen gleich, ein Licht seien, durch das du sichtbar wirst in der Welt. Nimm in deiner lächelnden Großmut auch den Dienst der wächsernen Lichter an, die wir an der Osterkerze entzünden, damit deutlich werde, dass alles Licht von dir ausgeht und zu dir zurückkehrt. Segne uns und diese Kerzen zum Dienst für dich.
Mit einem Lied ziehen wir in die Kirche ein, die Kerzenleuchter werden bestückt und die neuen Kerzen entzündet.

Das besondere Fest im Leben von Ordensleuten ist ihr Professtag, auch hier ist die Kerze ein starkes Symbol.
Christus hat die Liebe in einem Menschen entzündet, so wie die Professkerze ihr Licht von der Osterkerze empfängt. Die Kerze verschenkt sich, verbraucht sich im Brennen bis sie eines Tages erlischt. In der Hingabe ihres Lebens verschenkt sich die Professe an den Liebhaber des Lebens, der sich selbst hingegeben hat.
In mühseligen Schritten und freudigen Sprüngen leben wir auf die endgültige Begegnung mit ihm zu. Im Gleichnis von den Klugen Jungfrauen (Mt 25, 1 - 13) versinnbildlicht die brennende Laterne die ständige Bereitschaft, die permanente Erwartung des Herrn. „Wachet auf ruft uns die Stimme“ singen wir, während die Professe die Kerze in den Händen hält. Im Gottesdienst wird die Kerze zunächst auf den Altar gestellt, darüber hinaus wird sie die Schwester begleiten und an den kommenden Professtagen zur Erinnerung leuchten und vielleicht auch noch an ihrem Sarg in die Ewigkeit hinein.

Auch an anderen Persönlichen Gedenktagen zünden wir gerne ein Licht des Gedenkens an. An Namenstagen von Schwestern haben wir in der Kirche eine besondere Kerze und in der Morgenhore ein entsprechendes Gebet. Bei den Mahlzeiten hat die Schwester am Platz eine eigene Kerze.
Ebenso leuchtet am Geburtstag auf dem Gabentisch ein Licht.
Mit Lichtern gedenken wir unsere Verstorbenen, die uns vorausgegangen sind und schon Gottes Licht schauen.

Am Jahrestag des Heimgangs unserer Schwestern stellen wir im Ordenshaus eine Fotografie der Verstorbenen auf und Teelichter dazu. Bei den Gräbern auf unserem Friedhof künden die Lichter an jedem Sonntag von unserer Auferstehungshoffnung. „Er ist nicht hier, er ist auferstanden von den Toten“, sagt der Engel an Ostern zu den Frauen am leeren Grab. Das trostlose Dunkel des Grabes wird erhellt von dieser Guten Nachricht.

Eine Nachricht, die auch viele Angehörige und Freunde erreicht, von Menschen, die im Friedwald beigesetzt wurden. Zweimal im Jahr feiern wir einen Gedenkgottesdienst. Dabei werden die Namen all derer genannt, die seit dem letzten Gedenken auf dem Schwanberg bestattet wurden. Viele ihnen nahestehende Menschen kommen und zünden zum Gedenken ein Licht an.

Ein besonderes Anliegen ist uns die Einheit der Kirche. Jesus Christus hat am Gründonnerstag dem Tag der Einsetzung des heiligen Abendmahles gebetet: „Vater, lass alle eins sein, wie du in mir bist und ich in Dir.“ Darum zünden wir am jedem Donnerstag die Einheitskerze als Licht der Hoffnung an und beten um die Einheit der Christen.

Unsere Kirche ist den ganzen Tag geöffnet und lädt ein zu einem stillen Gebet oder dazu, vor einer der beiden Ikonen eine Kerze zu entzünden.

Gebet bei den Kerzen in unserer Kirche:

Herr, diese Kerze, die ich hier entzünde, soll ein Licht sein, durch das Du mich erleuchtest in meinen Schwierigkeiten und meinen Entscheidungen.

Es soll ein Feuer sein durch das Du mir allen Stolz, allen Egoismus und Unreinheit verbrennst, durch das Du mein Herz erwärmst und mich lieben lehrst.

Herr, ich kann nicht länger in dieser Kirche weilen.

Mit dem Brennenlassen dieses Lichtes soll ein Stück von mir selbst hier bleiben, das ich Dir schenken möchte.

Hilf mir, mein Gebet am Tag und in der Arbeit dieses Tages fortzusetzen.

AMEN.

Mariastein/Tirol 1988

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