Mein anderes Leben

„Bist du schon wieder auf deinem Berg?“ „Was machst du eigentlich immer da oben?“ „Schon wieder Urlaub im Kloster, ist das nicht langweilig?“

Wie oft höre ich diese Fragen, wenn ich Freunde bitte, meine Wohnung zu hüten, weil ich auf eben diesen Berg fahre - wenn ich einer Einladung nicht folgen kann – wenn andere nach meinen Urlaubsplänen fragen.

Oblatin, ein seltsamer Begriff. Er allein ist Anlass vieler Fragen. Meine Kinder haben ihren Spaß damit getrieben, merkwürdige Ableitungen erfunden, aber auch mein anderes Leben respektiert. Denn ein solches ist es, ganz anders als mein Leben in Beruf und Familie und Freundeskreis, auch ganz anders als mein Leben im Ruhestand.

Schwanberg, St. Michaelskirche

Ja, ein wenig sind es zwei Welten, in denen ich mich bewege. Doch sie sind intensiv ineinander verzahnt. Wollte ich sie trennen, es gelänge nicht. Und das ist gut so, bin ich doch eine einzige, heile Person, die diese Lebensbereiche ausschöpft.

Ich habe bewusst den Begriff heil benutzt, ich könnte auch sagen ganz  oder ungeteilt. Damit ist ausgedrückt, dass mein Menschsein in allen Dimensionen, auch der geistlichen, ausgefüllt ist. Ich lebe gern in meinem weltlichen Alltag mit seinen vielfältigen Aufgaben und Anregungen. Die Kraft dafür schöpfe ich aus meiner Bindung an Gott und die wird gestärkt durch meine Bindung an die Communität und ihr geistliches Leben, in das ich mich von Zeit zu Zeit einfüge, unauffällig, als Teil eines Ganzen, von dem ich mich getragen weiß.

Und wie sieht das ganz konkret aus? Ich habe bei meiner Oblation gelobt, die Communität nicht nur im Gebet, sondern auch auf andere Weise zu unterstützen, zum Beispiel durch meine Arbeitskraft. Kommt also eine Anfrage vom Berg, ob ich bereit sei, den Gepäckbus während der Pilgerexerzitien zu fahren, im Haus Michael die Hausschwester zu vertreten, das Programm für die Urlaubsgäste im Schloss zu gestalten, den Schwanbergbrief Korrektur zu lesen …… dann mache ich mich auf den Weg nach Süden und weiß, dass ich nicht nur eine Aufgabe zu erledigen habe, sondern dass ich als Teil der Communität schwesterlich im Ordensgestühl begrüßt werde, dass wir gemeinsam beten, Gottesdienst feiern und ich in einer der Schwestern immer auch eine geistliche Begleitung finde.

Beides lockt mich, sowohl die Arbeit als auch die spürbare Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, die Strahlkraft der Kirche, die Tragfähigkeit gemeinsamen Betens. Und besonders in schwierigen Lebenszeiten weiß ich um die Geborgenheit, die ich hier finde. Ich werde älter, meine Möglichkeiten der Mitarbeit nehmen ab, das bedeutet jedoch nicht, dass ich meine zweite Heimat verliere, denn als solche empfinde ich mein Oblatenleben.

Urlaub im Kloster? Bisher habe ich ihn noch nicht oft genossen, doch, siehe oben: Ich werde älter, ich werde künftig eher mal Urlaub im Kloster machen und mich bestimmt nicht langweilen dabei.

Anke Koehler, Oblatin seit 2001