Glaube im kommunitären Alltag, ist er anders als bei anderen Menschen?

Sind kommunitär lebende Christen ein wenig heiliger, realitätsfremder, abgehobener?

Ich meine nein, der Unterschied liegt mehr in den Rahmenbedingungen, die wir uns in Anlehnung an die Regel des heiligen Benedikt gegeben haben.

Wir Schwestern sind ganz normale Frauen und wie jede und jeder andere Mensch ein Unikat Gottes. Wir tragen Gaben in uns manche wunderschön entfaltet und manche begraben, sodass sie noch als Aufgabe vor uns liegen. Manchen Schatz werden wir vielleicht nie heben, aber es ist und bleibt Gottes Bestimmung für uns, dass wir immer mehr in sein Ebenbild hineinwachsen, zu dem er uns geschaffen hat.

Jede Schwester hat ihren persönlichen Weg in die Gemeinschaft, ihre eigene Berufungsgeschichte, ihre Liebesgeschichte mit Gott. (Lesen Sie hier einige Statemants von Schwestern)

Wir bringen unsere Prägungen durch Herkunftsfamilie, Lebenserfahrung, Beruf und religiöse Sozialisation mit. Wir finden uns ein in der Gemeinschaft von mehr als dreißig anderen Frauen, die wir nicht alle speziell ausgesucht hätten, um mit ihnen das Leben zu teilen.

Und doch stehen wir auf einem gemeinsamen Grund. Das verbindende Element ist das Vertrauen darauf, dass Gott eine jede in diese Kommunität geführt hat. Er ist derjenige, der ruft und die Schwester antwortet mit ihrem Leben.

So harmonisch das klingt, Konflikte bleiben unter uns dennoch nicht aus und wir sind immer wieder auf die Barmherzigkeit Gottes und auch die der Mitschwestern angewiesen.

„In allem Gott suchen, Christus nichts vorziehen – das Leben unter der Führung des Evangeliums gestalten“.

Dieses Wort steht über dem Leitbild unserer Gemeinschaft.

In allem Gott suchen klingt zunächst abstrakt, ziemlich großartig, herausfordernd und auch überfordernd. Es stellt mir die Frage, wo ich ihn überall suche und suche ich überhaupt ihn, oder doch vieles andere. Es gibt so viele Wichtigkeiten in meinem Alltag, die mir erzählen, dass sie dringend erledigt werden müssen, dass ich mir den Luxus des Gebetes gerade jetzt nicht leisten kann. Da ist meine Arbeit, ein Ereignis in der Gemeinschaft, im Gästebereich oder im Weltgeschehen oder einfach nur eine Zerstreuung, die auch noch nett wäre.

Jedes Mal bin ich herausgefordert zu wählen, wofür ich mich entscheide.

Ich habe das Privileg von geschützten Zeiten und Räumen, die ich nutzen kann mich immer wieder auszustrecken nach Gott. Die Zeit am Morgen oder am Abend wenn es still ist in unserem Ordenshaus und ich die Möglichkeit habe in meiner Zelle, meinem Zimmer zu beten. Die Gebetsecke in meinem persönlichen Raum ist so etwas wie die die äußere Heimat meiner Seele. Dort erwarten mich eine Christusikone und eine Kerze, dort liegt das Wort Gottes, meine Bibel bereit. Ich brauche nur eintreten und sagen Herr, hier bin ich.

Ähnlich ist es mit den Gebetszeiten in unserer Kirche, die unseren Tag strukturieren. Die Zeiten sind vereinbart und festgelegt und darin liegt eine altbewährte Weisheit. Wie sollten wir sonst ständig zu neuen Verabredungen kommen, über Zeiten und Inhalt.

Wenn die Glocke ertönt mache ich mich auf dem Weg. Ich stelle eine Distanz her, bringe einen Weg zwischen mich und dem was eben noch meine Aufmerksamkeit beansprucht hat.

Viermal am Tag lasse ich mich unterbrechen, in dem was ich gerade tue und denke.

Manchmal erlebe ich diese Unterbrechung als unwillkommene Störung, ach hätte ich noch fünf Minuten zur Verfügung, so könnte ich dies oder jenes zu Ende führen. Und wieder habe ich die Pflicht und die Freiheit zu entscheiden, wie ich die Priorität setzte. Grundsätzlich hat das Gebet den Vorrang, doch es kann und darf auch Ausnahmen geben, wenn ein verzweifelter Mensch vor mir steht oder ein akuter Notfall besteht.

Die Unterbrechung durch das Gebet ist eine Chance, sie kann mich herausholen aus meinem Hamsterrad von Wichtigkeiten, die mir andere aufdrängen oder die ich mir selbst auferlege.

Das Stundengebet hebt die Routine in meinem Alltag auf, wenn ich mich bewusst in die Gegenwart Gottes hinein stelle und ganz neu hinhöre, was er mir jetzt sagen will.

Ich bin verbunden mit denen, die vor mir geglaubt und gebetet haben und mit denen die nach mir kommen werden. Die Psalmen stellen mich in einen Gebetsstrom von Betenden, die ihr ganzes Leben vor Gott zur Sprache bringen. Freude, Angst, Klage, Wut, Vertrauen, Lob und Dank nichts ist ausgeklammert. Die Psalmen sind Poesie, die klare Worte spricht, die Beter nehmen kein Blatt vor den Mund. Die Psalmen ermutigen mich meinen eigenen Psalm zu formulieren.

Die Gebetszeiten und die Gottesdienste weiten meine Wirklichkeit, sie weisen mich darauf hin, dass es mehr gibt als mich. Mehr als das was ich sehe, worum ich mich sorge, worüber ich mich freue. Ich staune immer neu, dass sich Gott mit dem winzigen Ereignis eines Menschenlebens abgibt und sich nach unserer Liebe sehnt. Durch seine Zuwendung wird unser Leben einzigartig und kostbar. Im Buch des Propheten Jesaja stehen Worte, die ich für mich in Anspruch nehmen darf und will.

„Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Liebe“

Seine Sehnsucht weckt die meine ich will ihr Raum geben, dass sie in meiner Seele wohnt und Ausschau hält, wie nach einem Geliebten. Im Hohelied, im Lied der Lieder wird diese Sehnsucht besungen und in vielen Gesangbuchliedern auch.

Ich  wünsche mir, dass diese Liebe in mich hineinfließt und überfließt und bei den Menschen ankommt, die mir begegnen.

Gott reicht über seine Schöpfung hinaus und in Jesus Christus begibt er sich in unser menschliches Dasein hinein. Er der Ewige macht sich ganz klein, wird ein verletzliches Kind und teilt das Leben der Menschen.

Christus ist mir ganz nahe, das erfahre ich ganz sinnenhaft bei jedem heiligen Mahl.

In Brot und Wein geht er in uns ein und verbindet sich innig mit unserer leiblichen Existenz. „Du in mir und ich in Dir“ singen wir manchmal bei der Austeilung. Und ich bin angerührt und staune welch ewige, heilige Dimension in diesen wenigen Worten und in der einfachen Melodie schwingt.

In Jesus Christus kommt mir Gott ganz nahe, nichts Menschliches ist ihm fremd.

Doch trotz wunderbarer Erfahrungen von Nähe und Geborgenheit bei ihm entfremde ich mich ihm immer wieder, das tut weh.

Im Licht seiner Barmherzigkeit kann ich da sein trotz all meiner Fehler und Schwächen. Er schaut mich liebevoll an, gibt mir Ansehen und Freiheit. In der Praxis von geistlicher Begleitung und Beichte erfahre ich seine erlösende Kraft. Er spricht mich frei, los und ledig von Bindungen und Ängsten, die mich lähmen und hindern wollen zu ihm zu kommen.

Das Angebot seiner Vergebung steht zu jeder Zeit offen, dieses Wissen hilf mir mich aufzumachen und die Scheu zu überwinden, wenn sich meine Seele verdunkelt.

Die Geschichten der Evangelien wollen mir Wegweiser sein. Das Evangelium, die gute Nachricht, die Jesus unter den Menschen seiner Zeit ausgestreut hat, will mir Vorbild sein für meine Lebensgestaltung heute. Das Evangelium kann zum Wort meiner Befreiung werden, von dem, was immer schon war, von Dingen die ich für unabänderlich halte.

Jesus als meinen Meister erkennen, ihn neu zu sehen und ihm folgen, zu erfahren, dass ich von ihm gerufen und angesprochen bin, das kann auch mein Leben verwandeln.

„In allem Gott suchen, Christus nichts vorziehen – das Leben unter der Führung des Evangeliums gestalten“.

Das bedeutet für mich und für uns als Gemeinschaft immer wieder aufbrechen, äußerlich und innerlich und darauf zu vertrauen, dass wir in allem Suchen und Finden und wieder verlieren von Gott gesucht und gefunden sind.